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Der Dritte Gesundheitsmarkt
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4.3  Ergebnisse der Expertenbefragungen

In diesem Abschnitt werden die unterschiedlichen Perspektiven und Erwartungen zum Dritten Gesundheitsmarkt auf Basis der durchgeführten Experteninterviews dargestellt. Um ein möglichst genaues und vielfältiges Ergebnis zu erzielen und eventuell auch divergierende Meinungen darzustellen, wurden Experten aus unterschiedlichen Perspektiven der Gesundheitsbranche befragt. Aus den gesammelten Erkenntnissen konnten relevante Beurteilungskriterien für den fraglichen Sachverhalt abgeleitet werden. Ziel der Expertenbefragung war es, seitens der Experten einzuschätzen, ob die Bereitschaft bestehe, gesundheitliche Daten zu teilen. Ebenso wurde auf die Chancen und Grenzen von Gesundheitsdaten eingegangen und welche Rolle diese im Bereich des Gesundheitswesens in Zukunft spielen werden.

Es wurden rund 60 Experten angefragt, wobei am Ende insgesamt 19 Expertenbefragungen vollständig durchgeführt werden und mit Zustimmung der Beteiligten in die Studie integriert werden. Unter den befragten Personen sind Gesundheitsmanager (4) und -forscher (4), Allgemeine Gesundheitsexperten (4), Gesundheitsökonomen (4) und Journalisten (3). Die befragten Experten sind bis auf zwei Personen alle männlich.

Im den nachfolgenden Abschnitten sind die Antworten der Beteiligten zunächst nach den einzelnen vier Fragen subsummiert worden und nach dem jeweiligen Frageblock kommt die Interpretation der Ergebnisse mit Zuhilfenahme einschlägiger Literatur.

 

i.    Erste Einschätzung zum Dritten Gesundheitsmarkt

Bezüglich der ersten Fragen, was die erste Einschätzung zum “Dritten Gesundheitsmarkt” sei, antworteten die Experten wie folgt: Es gebe keine bisher keine allgemeingültige Definition für den Dritten Gesundheitsmarkt. Einige kritische Stimmen der Experten fanden die Wortverbindung unglücklich, da Gesundheit nicht in den Kontext der Betriebswirtschaftslehre zu stellen sei ohne dass dies näher untersucht werde. Andere Meinungen der Experten sahen es als logische Konsequenz einer unaufhaltsamen Entwicklung durch die Digitalisierung im Gesundheitswesen an. Experten die eine hohe digitale Affinität besaßen waren dem Thema offener gegenüber als digital weniger affine Experten. Kann sich die Share Economy auch im Gesundheitswesen durchsetzen? Insgesamt wurde der Share Economy im Gesundheitswesen ein Potenzial zugesprochen, dass innovative Leistungen vom Dritten Gesundheitsmarkt perspektivisch vom Ersten Gesundheitsmarkt übernommen werden können.

 

Interpretation

In der Literatur wird anlog zur Einschätzung der Experten bestätigt, dass es noch keine eindeutige Definition zu dem neuen Begriff Dritter Gesundheitsmarkt gibt. Es gibt Meinungen, die den Begriff als unglückliche Wortverbindung ansehen, weil man den Ausdruck mit einer Parallelwelt vergleichen könnte (Hanefeld, 2018). Andere Autoren bezeichnen den Dritten Gesundheitsmarkt als eine logische Konsequenz aus der Entwicklung der letzten Jahre, da Big Data, SelfTracking und Wearables zu den “Spielereien aus dem 21. Jahrhundert” gezählt werden und das “virtuelle Leben” immer weiter zunimmt (Kelle-Herfurth, et al., 2018). Der dritte Gesundheitsmarkt beschreibt somit einen Markt, der neben dem vom Staat finanzierten Markt als auch den Selbstzahlermarkt etabliert werden kann (Frank, 2018). Der Begriff umfasst zudem Unternehmen, die Geräte und andere Lösungen für das Gesundheitssystem entwickeln, welche dem Nutzer ermöglichen, zahlreiche gesundheitsbezogene Daten für sich selbst zu sammeln und zu analysieren. Dabei geht es vor allem darum, dass Patienten, Interessierte und Kunden, ihre eigenen Gesundheitsdaten austauschen und darüber kommunizieren können. Es soll ermöglicht werden, dass der Mensch sich selbst therapieren bzw. sich selbst eine Therapieform ermöglichen kann, um den Heilungsprozess zu unterstützen. Ebenfalls kann das Ansammeln von Gesundheitsdaten zur Kommunikation mit Fachspezialisten benutzt werden, um einen individuelleren Gesundheitsplan zu erstellen. Der Begriff soll daher nicht als ein neues Paralleluniversum auf virtueller Basis verstanden werden, sondern als eine virtuelle Welt, die zur Unterstützung der real ablaufenden Prozesse beitragen kann, wenn diese vom Patienten gewünscht oder medizinisch dringend erforderlich ist. Um die Wortverbindung aus Expertensicht zu definieren, wird die Begrifflichkeit “Shared Economy” hinzugezogen. In der Literatur erklären die Autoren den Begriff Dritter Gesundheitsmarkt als eine verstärkte Nutzung von sozialen Netzwerke, Wearables und digitalen Dienstleistungsangeboten mit Gesundheitsfokus zum Sammeln und zum Austausch von Gesundheitsdaten und Gesundheitswissen (Bajic et al., 2018). Aktuelle Zahlen belegen, dass ca. 80 % der Deutschen im Internet nachschaut, wenn sie eine gesundheitliche Fragestellung haben. Von besonderer Bedeutung ist, dass die Akteure des Gesundheitswesens gewillt sein müssen, Kooperationen in virtuell ablaufenden Therapieprozessen auf neuen Kommunikationswegen aufzubauen und an der Weiterentwicklung mitzuwirken. Dieser Trend wird sich weiterhin dynamisch verstärken und zu einer Demokratisierung des Gesundheitswesens führen; denn in der Vergangenheit war das Arzt- Patientenverhältnis überwiegend asymmetrisch. Gesundheitsdienstleitungen werden deutlich individueller und digitaler werden, was mehr Partizipation des Einzelnen bedeutet. Es ist ebenfalls davon auszugehen, dass zunächst einmal mit dem genannten Markt die jüngeren Generationen angesprochen werden, weil diesen eine entsprechende Technikaffinität nachgesagt wird und diese daher den neuen Möglichkeiten nicht abgeneigt entgegenstehen werden (Edelmann, 2018). Angenommen wird daher, dass eine direkte Ansprache und verschiedene unterstützende Maßnahmen zur Nutzung für die älteren Generationen notwendig sein wird, um die verschiedenen Zielgruppen und vor allem die Personen zu erreichen, die davon am meisten profitieren können (Illert, 2018). Außer Acht darf zudem nicht gelassen werden, dass die Besonderheiten digitaler Produkte und Dienstleistungen Veränderungen bei den bestehenden Strukturen erfordern. Agiert die Selbstverwaltung bei der Aufnahme von telemedizinischen Leistungen in die Erstattung weiterhin so restriktiv wie in der Vergangenheit, muss der Gesetzgeber tätig werden. In der Vergangenheit wurden zudem Individuelle Gesundheitsleistungen (IGEL) vom Zweiten in den Ersten Gesundheitsmarkt übernommen und hier könnte eine Analogie zum Dritten Gesundheitsmarkt aufgebaut werden.

 

ii.    Chancen des Dritten Gesundheitsmarktes

Als generelle Chance wurde die Zunahme der Autonomie der Patienten seitens der Experten gesehen. Menschen lernen wieder mehr miteinander zu kommunizieren und den Dialog mit der Gesellschaft zu pflegen und wert zu schätzen. Entscheidungen beruhen auf ein miteinander und nicht gegeneinander sowie auf ein Zusammenspiel und nicht einen Alleingang. So könnte der Dritte Gesundheitsmarkt zu einem bewussteren Umgang mit Ressourcen führen. Ferner werden die Akteure im Gesundheitswesen zu einem Umdenken bewegt und orientieren sich mehr am Patienten als am Wirtschaftsaspekt. Ebenso könnten so neue Arbeitsplätze bzw. berufliche Perspektiven geschaffen werden. Durch die Forschung kann eine reale und aktuelle Datenbasis vorangetrieben werden. So entsteht eine verbesserte Versorgungsbasis für chronisch Kranke durch Aktivierung der Patienten, eine größere Souveränität und ein besseres Verständnis durch neue Erkenntnisse. Auf diese Art und Weise könnte zudem mehr Nachhaltigkeit bei den Betroffenen durch individuellere Betreuung der Patienten erfolgen. Krankenkassen werden in diesem Kontext ggfs. Einsparungen bei den Leistungsausgaben erzielen können (“gesunde Menschen kosten weniger als Kranke”), wobei hier die Effekte bezüglich des Morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleiches (Morbi-RSA) zu berücksichtigen sind. Für die Pharmabranche bedeute der Dritte Gesundheitsmarkt ebenso eine Chance, da die Pharmahersteller aus der vorhandenen Datenbasis Rückschlüsse für neue Forschungsvorhaben und Geschäftsmodelle entwickeln können. Insgesamt könnte der Dritte Gesundheitsmarkt zu einem Accelerator (Beschleuniger) für die Forschung und Versorgungsrealität fungieren. Darüber hinaus können Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention analysiert und zielorientierter aufgebaut werden. Darüber hinaus können Risikofaktoren können schneller und individueller identifiziert werden (Stichwort: Präzisionsprävention). Ferner könnten auf Basis einer besseren Datenbasis Krankheiten schneller erkannt oder sogar vermieden werden (Stichwort: Disease Interception). Zudem wurde erwähnt, dass Krankheitsverläufe besser analysiert und Ursachen zu neuen Krankheiten schneller ermittelt werden können. Somit würde es zu einem Wandel vom Reparatursystem zu einem Gesunderhaltungssystem kommen. Einige der Experten betonten, dass das Teilen und Selbstmanagement von Daten neben der besseren Gesundheitskompetenz zu einer Reduzierung von Datenmissbrauch führen könnte, da die Individuen ihre Daten besser im Blick haben würden. So würde auch das Therapiesicherheitsempfinden beim Patienten durch Nachweis- und Kontrollmöglichkeiten verbessert werden.

 

Interpretation

Auch in der einschlägigen Literatur sind vielseitige positive Entwicklungen genannt, zum einen zur gesellschaftlichen Gesundheitsverbesserung verhelfen und auch für das Individuum Chancen bedeuten. So wird beispielsweise auch in der Literatur eine bessere und gesteigerte Autonomie der Patienten genannt (Bodanowitz, 2018). Hierzu trägt eine gezielte Informationsbeschaffung im Alltag dazu bei. Die Patienten werden sich aktiv in den Behandlungsverlauf mit einschalten und sich selbst soweit wie möglich informieren, um sich selbst zu heilen bzw. den Heilungsprozess zu verbessern oder aber, um Krankheitsrisiken zu vermindern. Es wird also eine Weiterentwicklung des gesellschaftlichen Denkens geben, sodass Menschen durch die Möglichkeiten der Gesundheitsdaten aufnehmen und auch wahrnehmen werden. Aktivierung der Patienten in den Behandlungsverlauf bedeutet damit auch, dass die Patienten ein besseres Gefühl dafür erlangen, was ärztliche und therapeutische Leistungen und Produkte kosten, sodass der Einsatz und die Nutzung dieser effizienter und effektiver ablaufen wird. Die Sensibilisierung der einzelnen Gesundheitsthemen und das Verständnis über die Bedeutung von Gesundheit wird zunehmen können, sodass die Kosten im Gesundheitssystem deutlich gesenkt werden können. Eine Reduzierung der Gesundheitsausgaben kann sich dementsprechend in den Krankenkassen und auch in der Pharmaindustrie bemerkbar machen (Edelmann, 2018). Es kann die Beziehung zwischen Behandler und Patient bzw. Kunde verbessert werden, da die Abläufe durch eine lückenlose Datensammlung zu einer zielgerichteten Behandlung und einem individuellen Behandlungsplan führen wird. Der Patient kann in alle Abläufe soweit integriert werden, dass einzelne Handlungsschritte selbstständig durchgeführt werden können, aber vor allem durch die Transparenz auch kontrollierbar und nachvollziehbar erscheinen. Ein funktionierender Dritter Gesundheitsmarkt bringt die Menschen wieder mehr in den Dialog und bewirkt somit einen nachhaltigeren und bewussteren Umgang mit den Ressourcen. Auch die Unternehmen der Gesundheitswirtschaft werden umdenken und versuchen diesen neuen Markt erfolgreich zu bedienen und zwar im Sinne ihrer Kunden, damit die Existenz sichergestellt werden kann. Außerdem werden die neuen Ansätze verbunden sein mit der Entwicklung von neuen Arbeitsplätzen und neuen beruflichen Perspektiven. Neben der Kosteneinsparung durch eine sich selbst therapiefähige Gesellschaft, wird es Fortschritte in der Identifikation von Risikofaktoren und Ursachen geben, sodass vor allem die Bereiche Forschung und Wissenschaft von der Datenmenge profitieren können und wiederum die Gesellschaft besser und schneller geschützt werden kann (Illert, 2018).

 

iii.    Risiken und Herausforderungen des Dritten Gesundheitsmarktes

Als die Experten auf die Risiken und Herausforderungen des Dritten Gesundheitsmarktes angesprochen wurden, so wurden die Themen Datenschutz, Datensicherheit und die Angst vor Datenmissbrauch am häufigsten genannt. Zudem kam die Angst vor Überforderung. Als weitere Problemfelder wurden identifiziert: die Datenerhebung kann falsch durchgeführt worden sein, die Messung kann durch technische Fehler verzerrt sein, Messdaten können zu Kontrollzwang führen, Messungen können dazu führen, dass Patienten voreilig/unnötig Ärzte aufsuchen und Messungen können den Gesundheitszustand/Wohlbefinden negativ beeinflussen. Zudem wurde ein kollektives Risiko angesprochen, indem die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung negative Trends wie bspw. die Ökonomisierung der Medizin verstärkt und die Datenhochheit nicht in die Hände von privatwirtschaftlichen Unternehmen fallen darf, da Gesundheit ein öffentliches Gut bleiben sollte. Es stellt sich die Frage, ob hier der Beginn einer Aushöhlung des Solidaritätsprinzips der GKV durch individualisierte Gesundheitsdienstleistungen stattfindet. Außerdem bedeuten große Datenmonopole nicht direkt Qualitätsverbesserung und Versorgungsverbesserung (Strichwort: Smart Data not Big Data). Darüber hinaus sind Kooperationen notwendig, da die Akteure sich hinsichtlich Datenstandards und Interoperabilität einig werden müssen, um eine funktionierende “Datenautobahn” zu ermöglichen. Darüber hinaus wurde die aktuelle Gesundheitskompetenz der Menschen als kritisch angesehen, da hier sowohl eine Daten- als auch Gesundheitskompetenz von Nöten ist, und eine Kalibrierung der Kompetenzentwicklung vorgeschaltet sein müsste. Die unkontrollierte Weitergabe von Gesundheitsdaten könnte zu einem Chaos führen, da hier unnötiger Handlungsbedarf fälschlicherweise herausinterpretiert werden könnte. Darüber hinaus könnte seitens der Anbieter eine angebotsinduzierte Nachfrage getriggert werden, die die Inanspruchnahme von falschen/überflüssigen Therapiemethoden weiter forciert. Die Rolle des Staates, der klassischerweise die Rahmenbedingungen in einem staatsnahen Gesundheitssystem vorgibt, ist beim Konzept des Dritten Gesundheitsmarktes noch völlig unklar. So müssten zunächst politische Rahmenbedingungen gesetzt und Leitplanken zur effektiven Auswertung von Gesundheitsdaten erarbeitet werden. Darüber hinaus darf die ethische Perspektive nicht vernachlässigt werden und die Zwischenmenschlichkeit nicht zu kurz kommen, da der Dialog im Gesundheitswesen deutlich digitaler stattfinden würde. Es müsste zudem eine Freiwilligkeit gesetzlich vorgeschrieben sein/bleiben, denn es darf keine Bevormundung eintreten (Freiheit und Freiwilligkeit erforderlich). Zudem sollte eindeutig festgelegt sein, welche gesetzliche Rahmenbedingungen notwendig sind, damit Daten einen Nutzen für die Allgemeinheit aufweisen. Da dieses Konzept derzeit noch in den Kinderschuhen steckt, ist auch eine Abschätzung der Risiken und Herausforderungen schwierig, da zunächst die richtgien Fragen gestellt werden müsste, wozu dieses Konzept überhaupt genutzt werden soll.

 

Interpretation

In der Literatur wird ebenfalls ein kollektives Risiko genannt, welches durch die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung negative Trends verstärken könnte und die bestehende Ökonomisierung verstärkt (Neubauer, 2018). Es werden in Zukunft neue Datenmonopole geschaffen und es ist fraglich, ob die gesammelten Daten primär im Sinne des Patienten und der allgemeinen Gesundheitsforschung eingesetzt werden und nicht für wirtschaftliche Zwecke und die Gründung neuer Geschäftsmodelle (Frank, 2018). Die Qualität der Versorgung wird nur dann zunehmen können, wenn die digitale Vernetzung mit besserer Kooperation zwischen Leistungserbringern einerseits und Leistungserbringern und Patienten andererseits einhergeht. Somit ist ein hohes Risiko, dass Gesundheitsdaten ohne Qualitätssicherung genutzt werden und damit zu weiteren Implikation führen, so dass eine Informationskette entsteht, ohne dass die Endanwender die Herkunft, Bedeutung und Richtigkeit der Daten einschätzen können. Das Nichtwissen der Anwender kann außerdem auch dazu führen, dass Patienten voreilig zum Arzt gehen und über gemessene Daten so verunsichert werden, dass sie annehmen krank zu sein (Hanefeld, 2018). Es kann ebenso konstatiert werden, dass Menschen dadurch krank werden und einen Kontrollzwang entwickeln, ihre Daten dauerhaft zu überprüfen. Hierzu sind weitere Studien nötig, um diesen Effekt zu unterlegen. Außerdem wird es zudem eine große Herausforderung sein, die Gesellschaft aus der “introvertierten Zone” zu bewegen und deren Ängste über Kontrollverlust zu reduzieren. Ebenfalls ist auch zu bedenken, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, um zu vermeiden, dass Anwendungen im Bereich der Diagnostik und Therapie nicht ohne medizinische Qualitätssicherung von den Menschen beansprucht werden. Als weiteres gesellschaftliches Risiko ist zu bewerten, dass die Gesellschaft die gleichen Voraussetzungen zum “Mitspielen” erhalten, sprich finanzielle, technische und bildungsspezifische Anforderungen auf gleichem Stand sind erforderlich. Neben dem Zugang und der horizontalen und vertikalen Gerechtigkeit (vgl. Ochs und Matusiewicz 2019) ist es ebenfalls wichtig, dass der Datenaustausch auf Freiwilligkeit beruht und jeder Bürger weiterhin die Möglichkeit erhält einen realen Menschen als seinen Gesundheitsförderer zu ernennen und nach seinen Anforderungen spezifisch auszusuchen. Insgesamt wird eine Vielzahl an Daten benötigt und eine hohe Beteiligung der Gesellschaft, da eine kleine Gruppe nicht ausreicht, um einen Querschnitt der Daten zu entnehmen (Neubauer, 2018). Neue Unternehmen müssen auf Qualität geprüft werden, damit nicht nur die Wirtschaft von dem Dritten Gesundheitsmarkt profitiert, sondern an erster Stelle der Patient/Kunde. Es ist hier allerdings ein kritischer Dialog zu führen, inwiefern die Gesundheitsdaten von privatwirtschaftlichen Unternehmen genutzt werden können oder es hier zu opensource Anwendungen kommen sollte, da Gesundheit ein öffentliches Gut bleiben soll. Die bisherigen Genossenschaftsmodelle wie bspw. healthbank sind interessante Ansätze, wobei zu prüfen ist, ob diese Modelle diesem Anspruch an das Gemeinwohl standhalten. Es wird zudem auch kritisch das Thema Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen beleuchtet    werden müssen (Matusiewicz, Niestroj, De Witte, 2019).

 

iv.    Nächsten Schritte

Aus der Expertenbefragung ist zu entnehmen, dass folgende Aspekte in der Zukunft des Dritten Gesundheitsmarktes beachtet werden müssen. Die Patientendaten sind “besondere Daten” und müssen auch in Zukunft mit bedacht und freiwillig geteilt werden. Hier muss die Generation auch nachhaltig an die folgenden Generationen denken, damit mögliche Fehler dieser Generation nicht zu Folgen für die kommenden Generationen führen. Die Politik und rechtliche Rahmenbedingungen sowie Aufklärung über Bundesverbände zur Gleichberechtigung und Chancengleichheit müssen aufgestellt werden, um das menschliche Vertrauen aufzubauen. Ferner sind Kooperation aller Akteure wichtig, da ansonsten Akteure wie die FAANG den Dritten Gesundheitsmarkt noch vor der Entwicklung von politischen Leitplanken entwickeln werden. Zudem kann der Dritte Gesundheitsmarkt zur Reduzierung der Ausgaben im Gesundheitssystem führen und ein Umdenken der Gesundheitsdienstleister (Ärzte, Therapeuten etc.) zum Wohl des Patienten erfolgen, da diese im Zuge eines stärkeren Wettbewerbs unter Druck gesetzt werden. Die Experten gehen davon aus, dass der Dritte Gesundheitsmarkt weiter zunehmen und von der Gesellschaft gut angenommen wird. Von hoher Bedeutung ist, dass der gesundheitsfördernde Faktor immer als Ziel betrachtet wird und somit immer nur auf Datenaustausch, aber keinen monetären Kosten basiert. Dies kann ebenso zur Erhöhung der Daten- und Gesundheitskompetenz und Erhöhung der der Solidarität (bspw. Datenspende) gehen. Außerdem liegen die Chancen vor allem im Ausland, indem durch das sogenannte Leapfrogging Technologiesprünge übersprungen werden können und dies gerade in ressourcenarmen Ländern aus der Public Health Perspektive von einem besonderen Nutzen sein kann.

 

Interpretation

Die Weiterentwicklung und Etablierung des Dritten Gesundheitsmarktes und den damit verbundenen Chancen für das Gesundheitssystem werden nur patientenorientiert erfolgen, wenn alle Akteure zusammenarbeiten und kooperieren sowie den Gesundheitszustand des Patienten in den Fokus stellen (Kelle-Herfurth, 2018). Weiterhin ist anzunehmen, dass der Dritte Gesundheitsmarkt sich bedingungslos entwickeln wird, weil die großen Akteure wie die FAANG wirtschaftliche Zwecke verfolgen und die Gesellschaft unter dem Trend der Digitalisierung diese Unternehmen - auch aufgrund von Convenience - nutzen wird (Illert, 2018). Zur Zielerreichung ist es daher wichtig, dass die Herausforderungen wie Chancengleichheit oder rechtliche Rahmenbedingungen bedacht und erstrebt werden, um die Digitalisierung effektiv und effizient einsetzen zu können. Die zentralen, sicheren Infrastrukturen müssen durch die Vernetzung Vorteile erzielen und die gesellschaftlichen Unsicherheiten und Ängste vermeiden. Die Gesellschaft könnte sich dabei, an den schon digital besser aufgestellten Ländern wie Estland (“we are the coolest digital nation in the world”) oder Dänemark, orientieren und die dortigen Strukturen und Prozesssteuerungen auf Deutschland zu transferieren. Das Zukunftsbild einer digital unterstützten Gesundheitsversorgung muss dabei als klares Zielsetzung von allen Beteiligten erkannt, akzeptiert und unterstützt werden. Eine wichtige Rolle zur Weiterentwicklung spielt dabei die Politik, die sich damit auseinandersetzen muss, was möglich ist und gemacht werden sollte sowie mit welchen Maßnahmen alle Akteure zusammengehalten werden, um einen Standard aufzustellen. Der wichtigste Faktor ist es, die Menschen bei der Entwicklung mitzunehmen und den dritten Gesundheitsmarkt als patientenorientiertes Geschäftsmodell zu verstehen (Matusiewicz, Niestroj und De Witte 2019). Ein Umdenken passiert erst, wenn Gesunde und Kranke in den Dialog kommen und ihre Informationen austauschen. Es ist durchaus denkbar, dass sich in Zukunft weitere Gesundheitsplattform entwickeln werden, die von Patienten für Patienten analog zu Selbsthilfegruppen gebildet werden (Bajic, 2018). Es gibt aber auch kritische Stimmen, die behaupten, dass Share Economy in der Zukunft in Bezug auf privatwirtschaftliche Unternehmen nicht funktionieren wird, jedoch das Teilen von Daten im Gesundheitssektor, da in Deutschland nach dem Solidaritätsprinzip gehandelt wird. Befürworter behaupten allerdings, dass es sehr wahrscheinlich sehr große Unternehmen sein werden, die noch vor der Regulierung der Politik derartige Plattformen verstärkt zur Verfügung stellen und die Menschen mit den Füßen abstimmen werden (Hanefeld, et al., 2018). Absehbar ist jedenfalls, dass der Dritte Gesundheitsmarkt einen interessanten Ansatz darstellt, den es weiter zu beobachten gilt (Matusiewicz, Niestroj und De Witte 2019). Das Vertrauen muss bei allen Prozessen und Abläufen rund um den Patienten und seine Daten aufgebaut und sichergestellt werden, denn nur dann kann das System von einer großen Datensammlung zur gesundheitsfördernden Gesellschaft erreicht werden. Deutschland muss viel schneller agieren und dem Wandel standhalten (Frank, 2018).

In der nachfolgenden Tabelle sind die wesentlichen Chancen und Risiken des Dritten Gesundheitsmarktes auf Basis der Expertenbefragung und der Interpretation mithilfe der Literatur noch einmal zusammengefasst.

 

Tabelle 3: Die fünf wesentlichen Vor- und Nachteile des Dritten Gesundheitsmarktes

VorteileNachteile
  • Schnellere, bessere und individueller Versorgung der Bevölkerung
  • Mehr Involvement und Partizipation
  • Standardisierung von Zweitmeinung (Zweit- und Drittmeinungen werden Standard)
  • Reduzierung von medizinischen Fehlbehandlungen und unnötigen Behandlungen
  • Allgemeine gesellschaftliche Gesundheitsverbesserung
  • Erhöhung der Kostentransparenz
  • Finanzielle Ausgaben seitens der Krankenkassen könnten eingespart werden
  • Individuellere, schnellere Gesundheitsleistungen
  • Präzisionsmedizin und Präzisionsprävention
  • Neue Zugangsmöglichkeiten außerhalb des klassischen Gesundheitswesens
  • Erhöhung der Daten- und Gesundheitskompetenz
  • Erhöhung der Solidarität (bspw. Datenspende)
  • Leapfrogging (Überspringen von Technologiesprüngen gerade in ressourcenarmen Ländern aus der Public Health Perspektive)
  • Datenschutz
  • Datensicherheit
  • Hackerangriffe und Manipulation (Datenechtheit)
  • Messfehler und Datenvalidität, fehlendes Wissen zum Umgang
  • gesellschaftliche Ängste werden nicht bedient
  • Informationsasymmetrien bleiben bestehen
  • Angst und Unsicherheit in der Gesellschaft
  • Messfehler werden nicht bemerkt
  • Zielverfehlung (wirtschaftlicher Nutzen statt Patientennutzen)
  • Fehlende Rahmenbedingungen und Anforderungen; zunächst Schaffung rechtlicher und technischer
  • Rahmenbedingungen
  • Zu wenige Kooperation zum Wohle des Patienten
  • Fehlende Data- und Health Literacy
  • Unklarer Zugang zur Gesundheitsversorgung
  • Unzureichende Folgenabschätzung
  • Es kommt zu einer Spirale, die vom Endnutzer nicht überblickt werden kann

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